Im „Rat der Tageseinrichtung“ arbeiten Eltern, Fachkräfte und Kirchengemeinde auf Augenhöhe für die WIR-KITAs
in Meschede-Bestwig.
Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, heißt es oft. Dieses „Dorf“ entsteht heute nicht zufällig. Es ist ein bewusstes Netzwerk. In den WIR-KITAs im Pastoralen Raum Meschede-Bestwig wird dieses Miteinander jeden Tag gelebt. Doch es braucht auch einen Ort, an dem alles zusammenläuft. Einen Tisch, an dem unterschiedliche Perspektiven ein gemeinsames Bild ergeben.
Diesen Ort gibt es. Er heißt „Rat der Kindertageseinrichtung“.
Der Rat arbeitet oft im Hintergrund. Er ist weniger bekannt als der klassische Elternbeirat. Aber er trägt das Fundament der WIR-KITAs mit. In dem Gremium sitzen Vertreter der Kirchengemeinde, pädagogische Fachkräfte und Eltern zusammen. Alle bringen ein, was sie wissen und sehen. Die einen kennen Rahmen und Verantwortung der Gemeinde. Die anderen gestalten den Alltag in der Kita. Die Eltern vertrauen den Einrichtungen Tag für Tag ihr Wertvollstes an.
Der Rat arbeitet auf Augenhöhe. Er übernimmt Verantwortung. Und er verbindet, was zusammengehört. In einer Zeit, in der „WIR“ – wertvoll, individuell, regional – nicht nur ein Logo ist, sondern ein Versprechen, wird der Rat zur Brücke. Er verbindet organisatorische Notwendigkeiten mit menschlicher Wärme. Er stärkt Partnerschaft, wo sonst schnell nur „Dienstleistung“ steht. Und er hilft mit, dass die Kitas nicht nur Betreuung leisten, sondern Glaubens- und Lebensorte für Familien bleiben.

Blick hinter die Kulissen
Gerlinde Schmidt ist Kirchvorstandsmitglied und arbeitet im Rat der WIR-KITA St. Nikolaus in Freienohl mit. Im Interview spricht sie über die Rolle des Rates, über Entlastung und über Bereiche, in denen sie sich mehr Gestaltungskraft wünscht.
Wie sichern Sie lokale Identität und katholisches Profil?
Im Spannungsfeld zwischen zentralen Impulsen der WIR-KITAs gem. GmbH und den Bedürfnissen der Familien vor Ort: Wie nutzen Sie den Rat der Tageseinrichtung, damit lokale Identität und katholisches Profil spürbar bleiben und nicht in der Verwaltung untergehen?
Gerlinde Schmidt: Aus unserem Kirchenvorstand der St.-Nikolaus-Gemeinde Freienohl bin ich in den Rat der Kindertageseinrichtung entsandt worden – eine Aufgabe, die ich sehr gerne wahrnehme. Mit unserem Kindergarten verbindet mich viel: Ich selbst habe dort meine Kindergartenzeit verbracht, ebenso unsere drei Kinder. Ich weiß daher, wie prägend diese Jahre sind.
Die zentralen Impulse der WIR-KITAs gem. GmbH geben wichtige strukturelle und organisatorische Orientierung. Gleichzeitig lebt jede Kita von ihrer Verwurzelung vor Ort. Im Rat der Tageseinrichtung ist es mir deshalb wichtig, die Perspektive unserer Gemeinde einzubringen und darauf zu achten, dass das katholische Profil im Alltag sichtbar bleibt – sei es durch religiöse Feste, das gemeinsame Gebet, die Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde oder durch die Vermittlung christlicher Werte im täglichen Miteinander. So können zentrale Vorgaben und lokale Identität gut zusammenwirken, damit unsere Kita ein Ort bleibt, an dem sich Kinder geborgen fühlen und christliche Werte selbstverständlich gelebt werden.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Gremium?
Das Statut für die katholischen Kindertageseinrichtungen in den (Erz-)Bistümern Aachen, Essen, Köln, Münster und Paderborn schreibt „allseitiges Bemühen“ und „gegenseitige Anerkennung“ vor. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Gremium?
Gerlinde Schmidt: Ich erlebe den Rat der Kindertageseinrichtung in unserer Gemeinde als ein sehr lebendiges und konstruktives Gremium. Der Austausch ist offen, wertschätzend und von gegenseitigem Respekt geprägt. Es ist spürbar, dass hier das im Statut formulierte „allseitige Bemühen“ und die „gegenseitige Anerkennung“ nicht nur Worte bleiben, sondern tatsächlich gelebt werden.
Im Rat gibt es Raum und Zeit, um sich intensiv miteinander auszutauschen. Dabei werden unterschiedliche Perspektiven sichtbar: die Lebenswirklichkeit der Eltern mit ihren organisatorischen Herausforderungen und Sorgen, die pädagogischen Überlegungen der Erzieherinnen sowie die Sichtweise der Kirchengemeinde. Gerade dieser ehrliche Einblick in die jeweiligen Alltagssituationen ist sehr wertvoll. Ohne die Impulse der einzelnen Mitglieder würden viele Entscheidungen vermutlich nicht in dieser Tiefe durchdacht werden. Durch die unterschiedlichen Beiträge entsteht ein umfassenderes Bild, das hilft, tragfähige Lösungen zu finden. So werden Entscheidungen nicht nur organisatorisch sinnvoll getroffen, sondern wirklich mit Blick auf das Wohl der Kinder. Genau darin sehe ich die große Stärke dieses gemeinsamen Gremiums.
Wie bleibt die Kommunikation transparent?
Der Austausch von Interessen, Wünschen und Anregungen ist zentral. Wie stellen Sie sicher, dass alle gut informiert sind, sich einbringen können und die Kommunikation transparent bleibt, gerade bei komplexeren Themen?
Gerlinde Schmidt: Eine transparente und verlässliche Kommunikation ist für die Arbeit im Rat der Tageseinrichtung entscheidend. Damit alle Mitglieder gut vorbereitet in die Sitzungen gehen können, erhalten wir im Vorfeld die Tagesordnungspunkte. Bei komplexeren Themen werden zusätzlich ausführlichere Hintergrundinformationen zur Verfügung gestellt. So hat jedes Mitglied die Möglichkeit, sich in Ruhe mit den Inhalten auseinanderzusetzen, Fragen vorzubereiten und sich eine fundierte Meinung zu bilden.
Wichtig ist uns außerdem, dass Wünsche und Anregungen nicht nur in den Sitzungen selbst Raum finden. Jedes Mitglied kann Themen einbringen oder im Vorfeld Rückmeldungen geben. Dadurch entsteht kein reiner Informationsaustausch „von oben nach unten“, sondern ein echter Dialog auf Augenhöhe. Auch zwischen den Sitzungen bleibt der Austausch bestehen. Über einen gemeinsamen E-Mail-Verteiler werden alle Mitglieder regelmäßig über Entwicklungen, Veränderungen oder wichtige Entscheidungen informiert. So bleiben alle auf dem gleichen Stand und Transparenz ist jederzeit gewährleistet – auch dann, wenn kurzfristig Handlungsbedarf entsteht. Gerade bei komplexeren Themen hilft diese strukturierte und offene Kommunikation dabei, Vertrauen zu schaffen und sicherzustellen, dass sich jedes Mitglied ernst genommen und beteiligt fühlt.
Wie hilft der Rat in angespannten Zeiten?
In Zeiten des Fachkräftemangels und hoher Belastung ist Transparenz entscheidend. Wie hilft der Rat dabei, gemeinsam mit Träger, Leitung und Eltern an Lösungen zu arbeiten, etwa bei Personalengpässen, Öffnungszeiten oder der Ausgestaltung des Alltags?
Gerlinde Schmidt: Transparenz ist in diesem Zusammenhang tatsächlich das entscheidende Stichwort. Gerade bei Themen wie Personalengpässen oder veränderten Öffnungszeiten entstehen schnell Unsicherheiten, Gerüchte oder Missverständnisse. Hier kommt dem Rat der Tageseinrichtung eine besonders wichtige Rolle zu. Wir verstehen uns als verbindendes Gremium zwischen Träger, Leitung und Elternschaft. Das bedeutet konkret: Wir haben ein offenes Ohr für Eltern sowie für die Erzieherinnen und Erzieher, nehmen Sorgen und Ängste ernst und schaffen Raum für Rückfragen. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, uns umfassend darüber zu informieren, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden mussten und welche Rahmenbedingungen – etwa personelle oder gesetzliche Vorgaben – dabei eine Rolle spielen.
Durch diesen offenen und ehrlichen Austausch entsteht Verständnis auf allen Seiten. Entscheidungen werden transparenter und können eher mitgetragen werden, auch wenn sie im Alltag mit Einschränkungen verbunden sind. Darüber hinaus ermöglicht der Rat, gemeinsam nach konstruktiven Lösungen zu suchen – sei es durch pragmatische Übergangslösungen, eine angepasste Alltagsgestaltung oder eine enge Abstimmung mit dem Träger. So trägt der Rat dazu bei, Vertrauen zu stärken und auch in herausfordernden Zeiten handlungsfähig zu bleiben – immer mit dem gemeinsamen Ziel, die bestmöglichen Bedingungen für die Kinder zu sichern.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Was war für Sie der überraschendste Einblick in die strukturellen und rechtlichen Hintergründe der Kita-Arbeit, den Sie erst durch Ihre Mitarbeit in diesem paritätisch besetzten Gremium gewonnen haben?
Gerlinde Schmidt: Wenn ich ehrlich bin, hat mich vor allem die Komplexität der Aufgaben und strukturellen Vorgaben überrascht, die hinter dem Alltag einer Kita stehen. Von außen nimmt man in erster Linie das pädagogische Geschehen wahr – das Spielen, Lernen und Lachen der Kinder. Durch meine Mitarbeit im Rat habe ich jedoch erkannt, wie viele organisatorische, rechtliche und strukturelle Rahmenbedingungen im Hintergrund berücksichtigt werden müssen. Personalplanung, gesetzliche Vorgaben, Dokumentationspflichten oder finanzielle Aspekte greifen ineinander und machen deutlich, wie anspruchsvoll die Leitung einer Einrichtung tatsächlich ist.
Ebenso beeindruckt hat mich die bedeutende Rolle des Elternrates. Ein aktiver, engagierter und nach vorn schauender Elternrat ist weit mehr als ein begleitendes Gremium. Er bringt wichtige Impulse ein, spiegelt Stimmungen aus der Elternschaft wider und trägt dazu bei, Entscheidungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Wenn Eltern konstruktiv mitdenken und mitgestalten, bereichert das den Alltag einer Kita enorm. Für mich ist deutlich geworden: Gute Kita-Arbeit entsteht nicht nur im Gruppenraum, sondern auch durch die verantwortungsvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten im Hintergrund. Genau dieses Zusammenspiel macht die Qualität einer Einrichtung aus.
Wo ist noch Luft nach oben?
Hand aufs Herz: Wo sehen Sie in der aktuellen Zusammenarbeit noch Luft nach oben? In welchen Bereichen wünschen Sie sich, dass der Rat noch mutiger, gestalterischer oder auch konfliktbereiter auftritt, um den Alltag der Kinder in den WIR-KITAs nachhaltig zu verbessern?
Gerlinde Schmidt: Wenn ich ehrlich bin, bedeutet „Luft nach oben“ für mich vor allem, den Blick noch stärker auf die Herausforderungen unserer Zeit zu richten. Der Rat der Tageseinrichtung ist mit engagierten und empathischen Menschen besetzt, die sich mit großer Verantwortung einbringen. Dennoch können wir uns immer wieder fragen, wo wir noch mutiger werden dürfen. Ich wünsche mir, dass wir den Fokus noch bewusster auf die Kinder richten, die es schwerer haben als andere – Kinder aus sozial benachteiligten Familien oder mit besonderem Förderbedarf. Gerade sie brauchen eine starke Stimme. Hier darf der Rat durchaus noch deutlicher Position beziehen, Missstände benennen und sich aktiv dafür einsetzen, dass passende Unterstützungsangebote geschaffen oder ausgebaut werden.
Mutig zu sein heißt in diesem Zusammenhang auch, unbequeme Themen anzusprechen und nicht aus einem Harmoniebedürfnis heraus zurückzuschrecken. Wenn wir den Anspruch haben, den Alltag der Kinder nachhaltig zu verbessern, müssen wir bereit sein, genau hinzuschauen und uns konstruktiv einzubringen – auch dann, wenn Diskussionen herausfordernd sind. Am Ende geht es immer um die bestmöglichen Bedingungen für jedes einzelne Kind. Dafür lohnt es sich, Verantwortung zu übernehmen und Gestaltungsspielräume aktiv zu nutzen.
Das Interview führte Meike Jänsch
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