Wer ans Berufskolleg Bergkloster Bestwig kommt, ist meist 16 oder älter. Viele haben ein Ziel. Realschulabschluss nachholen, Fachabitur oder Abitur schaffen, Erzieherin oder Erzieher werden. Andere suchen erst Orientierung. Fast alle spüren, dass Entscheidungen plötzlich Gewicht bekommen.

Genau in dieser Lebensphase können Kleinigkeiten groß werden. Druck vor Prüfungen. Streit in der Beziehung. Konflikte in der Familie. Oder das Gefühl, dass man allein nicht weiterkommt. Am Berufskolleg gibt es dafür zwei Ansprechpartnerinnen, die zuhören und sortieren helfen. Schulseelsorgerin Franziska Ceglarski und Schulsozialarbeiterin Nicole Teutemann.
Für Ceglarski ist der Einstieg ganz schlicht. „Setz Dich. Was brauchst Du?“ Viele Gespräche beginnen ohne lange Einleitung. Manchmal geht es um Trauer. Manchmal um Überforderung. Manchmal um Streit oder „zwischenmenschliche Probleme“. In solchen Momenten zählt zuerst eines: Dass jemand da ist, der Zeit hat und nicht bewertet.
Zwei Rollen, ein Ziel
Teutemann fasst Schulsozialarbeit in einem langen Satz zusammen. Der Kern ist schnell klar. Sie bietet „ganz vertraulich, freiwillig und neutral“ ein offenes Ohr und begleitet bei der Alltagsbewältigung. Sie sucht mit den Schülerinnen und Schülern nach Lösungswegen. Neutral heißt für sie: ein Gespräch ohne Wertung. Sie hört aktiv zu, reagiert empathisch und schaut auf Ressourcen und Bedürfnisse.
Die Themen, die sie nennt, sind nah an dem, was Jugendliche und junge Erwachsene oft beschäftigt. Konflikte und Krisen in Beziehungen. Streit mit Eltern oder Freunden. Probleme mit Mitschülern. Prüfungsangst. Psychische Belastungen. Finanzielle Sorgen. Zukunftsangst. Dazu kommt praktische Hilfe, wenn es um Bewerbungen, BAföG oder andere Anträge geht.
Ceglarski beschreibt Schulseelsorge so. „Schulseelsorge sorgt sich um die Seele. Ich kümmere mich um das, was gerade gebraucht wird.“ Glaubens- und Lebensfragen tauchen, wie sie sagt, eher im persönlichen Gespräch auf als im Unterricht. Wer mit Kirche nichts anfangen kann, muss trotzdem nicht draußenbleiben. Entscheidend ist die Haltung. Zuhören, begleiten, stärken.
Wenn der Kopf nicht mehr mitmacht
Prüfungsphasen sind eine Zeit, in der viele junge Menschen kippen. Teutemann rät dann oft zu etwas, das sofort hilft. Den Blick weg von den negativen Gedanken. Hin zu einer konkreten Handlung.
Sie nennt Beispiele, die viele sofort umsetzen können. Musik hören. Über etwas Schönes sprechen. Knete kneten, einen Anti-Stress-Ball drücken oder etwas in der Hand spüren. Auch mentale Übungen können helfen. Rückwärtszählen von 100 oder einfache Fingerspiele, die Konzentration erfordern. Wichtig sei, das Passende für sich zu finden und sich dann auf diese eine Sache zu fokussieren.
So ein Erstgespräch läuft bei ihr klar strukturiert ab. Sie erklärt zu Beginn, dass das Gespräch freiwillig und vertraulich ist. Inhalte bleiben im Raum. Nach Wunsch können Personen hinzugezogen werden. Sie sagt auch offen, dass sie Notizen macht, damit sie in Folgegesprächen an Strategien anknüpfen kann. Und sie benennt die Grenze. Bei Eigen-, oder Fremdgefährdung kann die Schweigepflicht nicht gelten, weil dann weitere Schritte nötig sind.
Auch Ceglarski beschreibt diese Grenze deutlich. Bei Suizidgefahr oder bei Gewalt im Umfeld, bei psychischer oder physischer Bedrohung. Wenn die Schülerinnen und Schüler einverstanden sind, holt sie Teutemann dazu. So greifen Seelsorge und Sozialarbeit ineinander, ohne dass Zuständigkeiten verschwimmen.
Ein sicherer Rahmen, der wirklich niedrigschwellig ist
Viele Jugendliche wollen reden, aber nicht im Büro sitzen wie beim Amt. Ceglarski sagt deshalb: Gespräche müssen nicht nur im Büro stattfinden. Man kann sich auch anderswo treffen, zum Beispiel bei einem Spaziergang über das Klostergelände. Das ist mehr als eine nette Idee. Es senkt die Hürde. Und es schafft Bewegung in einem Moment, in dem alles feststeckt.
Teutemann beschreibt, wie Schülerinnen und Schüler den ersten Satz finden. Oft ist er überraschend direkt. „Haben Sie gerade Zeit? Ich brauche ein Gespräch.“ Oder. „Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll…“ Dass solche Sätze fallen, zeigt, wie wichtig Sichtbarkeit ist. Wer merkt, dass Hilfe erreichbar ist, kommt eher, bevor ein Problem groß wird.
Was Eltern wissen sollten
Eltern wünschen sich oft ein klares Signal. Wann ist es Zeit, Unterstützung zu holen? Teutemann antwortet nicht mit Panik, sondern mit Haltung. Da sein, zuhören, Verständnis zeigen, empathisch auf Gefühle und Bedürfnisse eingehen. Und das Gefühl vermitteln. Du bist nicht allein. Sie sagt auch. In der Krise nicht überfordern. Offen miteinander sprechen. Und wenn es nötig ist, professionelle Hilfe annehmen.
Ceglarski beschreibt eine Realität, die viele Eltern kennen. Jugendliche wollen oft nicht, dass Eltern von ihrem Problem erfahren. Ein gemeinsamer Termin kann unter Umständen angeboten werden. Aber der erste Schritt braucht manchmal einen Raum, der den Jugendlichen gehört.
Was diese Schule ausstrahlt
Beide sprechen nicht nur über Krisen, sondern auch über das Klima an der Schule. Ceglarski sagt, sie habe am meisten überrascht, wie sehr hier „Augenhöhe“ zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften gelebt wird. Sie erlebt ein „gutes, wertschätzendes Miteinander“. Schülerinnen und Schüler seien „behütet“, sie würden „gesehen“.
Teutemann hat etwas Ähnliches erlebt, nur aus einer anderen Perspektive. Sie war überrascht, wie viele Schülerinnen und Schüler „innerhalb kürzester Zeit“ den Weg zu ihr gefunden haben. Das habe ihr gezeigt, wie groß der Bedarf ist. Und wie schnell Vertrauen entstehen kann.
Kleine Schritte, die groß wirken
Wann ist ein Gespräch gelungen? Teutemann sagt. Wenn jemand etwas mitnimmt, es im Alltag anwenden kann und später von kleinen Erfolgserlebnissen erzählt. Manchmal seien es nur kleine Schritte. „Aber es geht voran.“
Ceglarski erkennt es oft an einer Veränderung, die man nicht messen kann. Wenn die Person am Ende erleichtert ist. Wenn der Gruß auf dem Gang danach anders klingt. Und manchmal, sagt sie, steckt als Dank sogar Schokolade im Fach.
Für Eltern und künftige Schülerinnen und Schüler ist das vielleicht die wichtigste Botschaft. Am Berufskolleg Bergkloster Bestwig soll niemand mit Druck, Angst oder Krisen allein bleiben. Es gibt Hilfe, die zuhört. Und Hilfe, die den nächsten Schritt mitgeht.
Andreas Beer
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