Macht ist im Alltag oft unscheinbar. Sie zeigt sich im Klassenzimmer. Im Pflegezimmer. In Gesprächen, die gut laufen. Oder schiefgehen. Genau hier setzt die Arbeit von Irina Rebbe an.

Seit einem knappen Jahr ist Rebbe Präventionsbeauftragte der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP). Zuvor arbeitete sie zwölf Jahre als Schulsozialarbeiterin. Heute koordiniert sie die Präventionsarbeit in Schulen und Senioreneinrichtungen der Ordensgemeinschaft. Ihr Ziel bleibt gleich. Menschen schützen. Gespräche ermöglichen. Vertrauen schaffen.
„Eine Lehrkraft hat ein besonderes Maß an Macht über ihre Schülerinnen und Schüler“, sagt Rebbe. Diese Macht könne stärken. Oder verletzen. Ähnlich sei es in der Pflege. Auch dort bestehe ein Gefälle. Wer darauf angewiesen ist, dass andere helfen, braucht Schutz.
Prävention ist mehr als Missbrauchsschutz
Viele verbinden Prävention vor allem mit sexualisierter Gewalt. Rebbe greift weiter. „Es geht um jede Form von Grenzverletzung.“ Herablassende Bemerkungen. Ungerechte Behandlung. Flapsiger Ton. Dinge, die klein wirken, aber lange nachhallen.
Rebbe besucht Lehrerkollegien, Schulleitungen, Pflege-Teams und Mitarbeitende in der Seniorenhilfe. Sie informiert. Sie sensibilisiert. Und sie unterstützt Einrichtungen dabei, eigene Schutzkonzepte zu entwickeln.
Diese Konzepte folgen einem gemeinsamen Rahmen. Jede Einrichtung passt sie an ihre Realität an. Risiken werden analysiert. Verhaltensregeln festgelegt. Schulungen organisiert. Meldewege klar benannt. Für Verdachtsfälle wie für akute Situationen.
Entscheidend ist dabei nicht das Papier. Entscheidend ist die Haltung. Schutzkonzepte müssen gelebt werden“, sagt Rebbe.
„Darf man das sagen?“
Eine Schülerin fühlt sich ungerecht behandelt. Ein Bewohner empfindet den Umgangston als respektlos. Darf man das ansprechen? Und traut man sich?
Rebbe will beides. Deshalb spricht sie von sicheren Räumen. Das meint nicht nur Türen und Möbel. Es meint Atmosphäre. Gespräche ohne Angst. Klare Abläufe. Transparente Entscheidungen.
„Auch ängstliche Menschen sollen ihr Unbehagen äußern können“, sagt sie. Ohne Sorge vor Folgen. Ohne das Gefühl, etwas falsch zu machen.
Subjektives Empfinden ernst nehmen
Was als Gewalt empfunden wird, ist subjektiv. Diese Erfahrung bringt Rebbe aus der Schulsozialarbeit mit. In der Beratung gehe es nicht darum, Wahrheit zu ermitteln. „Es geht nicht um Wahrheitssuche.“ Es gehe darum, Menschen ernst zu nehmen.
Ein strukturierter Rahmen helfe, Gefühle einzuordnen. Nicht alles, was als Mobbing empfunden wird, ist fachlich Mobbing. Aber jedes Empfinden verdient ein Gespräch. Gerade dann.
Diese Haltung ist für Eltern wichtig. Und für Angehörige von Seniorinnen und Senioren. Sie zeigt. Hier wird hingehört. Auch dann, wenn Dinge noch unklar sind.
Prävention beginnt für Rebbe früh. Und hört nicht auf. Auch nicht im Alter. „Gewalt kann schon dort beginnen, wo Menschen ein Recht auf Sexualität abgesprochen wird.“
Deshalb müsse Sexualität besprechbar sein. In Schulen. Und in Senioreneinrichtungen. „Liebe gibt es auch im Alter. Auch körperlich. Und sie ist ein Recht.“
Eine Aufgabe mit Hoffnung
Rebbe absolviert derzeit eine Weiterbildung zur Fachkraft für Prävention und Intervention sexualisierter Gewalt. Noch dominiert Pflichtarbeit. Konzepte. Schulungen. Auffrischungen alle vier Jahre.
Wenn sie von ihrem Job erzählt, reagieren manche mit ernster Miene. „Krass, schwieriges Thema.“ Rebbe sieht das anders. „Es ist eine hoffnungsvolle Arbeit.“
Weil sie Einrichtungen zu sicheren Orten macht. Für Kinder. Für Jugendliche. Für alte Menschen. Und für alle, die Verantwortung tragen.
Schutz beginnt mit Zuhören. Und mit dem Mut, Dinge auszusprechen.
Andreas Beer
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