Katholisches Leben in Meschede und Bestwig

„Wo ist eigentlich noch meine Kirche?“

Das Erzbistum Paderborn ordnet sein Gebiet in 21 Seelsorgeräume neu. Aus den Kirchengemeinden zwischen Meschede und Schmallenberg wird eine gemeinsame Pfarrei. Was der Umbau vor Ort bedeutet.

St. Anna in Nuttlar. (Foto: Andreas Beer)

Aus vielen Kirchengemeinden wird eine Pfarrei. Schon 2028 oder 2029 sollen alle Kirchengemeinden in Meschede, Bestwig, Eslohe und Schmallenberg in einer neuen Pfarrei aufgehen. Mit ihnen verändern sich Leitung, Gremien, Personal und womöglich auch die Nutzung einzelner Kirchen. „Doch die wenigsten ahnen, was das bedeutet“, sagte Dechant Georg Schröder der Westfalenpost mit Blick auf die Pläne des Erzbistums.

Dahinter steht eine Neuordnung des gesamten Erzbistums: Aus den bisherigen 19 Dekanaten werden 21 Seelsorgeräume, die das Erzbistum am 1. Advent 2026 gleichzeitig errichtet. Die gut 600 Pfarrgemeinden gehen danach Schritt für Schritt in neuen, großen Pfarreien auf. In einer Pressemitteilung verspricht das Erzbistum: „Kirche vor Ort wird sich verändern, aber nicht verschwinden.“

Wie die Neuordnung entstand

Mit dem Bistumsprozess „Glauben.Gemeinsam.Gestalten.“ reagiert das Erzbistum auf sinkende Mitgliederzahlen, weniger Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher, fehlendes Personal in Haupt- und Ehrenamt, den Vertrauensverlust durch den Missbrauchsskandal und sinkende Finanzkraft.

Ab April 2025 diskutierte das Erzbistum seine Pläne öffentlich, unter anderem bei zwölf Regionalkonferenzen mit rund 1.500 Teilnehmenden. Auch die Dekanate gaben Voten zum Zuschnitt der neuen Räume ab. Im Mai 2026 stellte das Erzbistum das Ergebnis vor: 21 Seelsorgeräume, die sich an den bisherigen Dekanaten orientieren. Nur die Dekanate Bielefeld-Lippe und Hochsauerland-Ost werden jeweils in zwei Räume geteilt.

Ein Zentrum und viele verlässliche Orte

Jeder Seelsorgeraum bekommt ein Pastorales Zentrum, in dem Gottesdienste, Sakramente und Ansprechpersonen dauerhaft und verlässlich angeboten werden sollen. Daneben bleiben sogenannte verlässliche Orte bestehen: Kirchen, Kitas, Schulen, Verbände und soziale Einrichtungen mit hauptberuflichen oder ehrenamtlichen Angeboten. Kirche soll künftig dort gelebt werden, „wo Menschen beten, Gottesdienst feiern, helfen und Gemeinschaft erfahren“, schreibt das Erzbistum in seiner Pressemitteilung.

Die Leitung übernimmt ein Trio: ein Pfarrer, eine Verwaltungsleitung und eine Pastorale Koordination. Die Pastorale Koordination können auch Diakone oder Laien übernehmen. Dazu kommen multiprofessionelle Teams aus Seelsorge und weiteren Berufen. Eine hauptamtliche Vollzeitstelle soll zudem das Engagement der Menschen vor Ort fördern. Das kirchliche Leben in den Gemeinden sollen Gemeindeteams tragen: Gruppen von Engagierten, die Verantwortung für einen Ort oder für ein Thema übernehmen.

Generalvikar Dr. Michael Bredeck fasste das Ziel in einer Mitteilung des Erzbistums so zusammen: „Menschen sollen weiterhin dort Kirche gestalten können, wo sie leben, glauben, Gottesdienst feiern, sich engagieren und für andere da sind.“

Eine neue Pfarrei für unsere Region

Der künftige Seelsorgeraum umfasst das Gebiet des bisherigen Dekanats Hochsauerland-Mitte. Dechant Schröder erklärte in der Westfalenpost: „Alle Kirchengemeinden in Eslohe, Schmallenberg, Bestwig und Meschede werden aufgegeben und 2028 oder 2029 im Seelsorgeraum zu einer neuen Pfarrei zusammengeführt. Diese wird ein pastorales Zentrum haben. Ein Leitungstrio wird eingesetzt, das aus Pfarrer, Verwaltungsleitung und koordinierender Leitung bestehen wird.“

Aufgegeben heißt dabei zunächst: Die bisher eigenständigen Kirchengemeinden verlieren ihre rechtliche Selbstständigkeit und fusionieren. Über die Zukunft einzelner Kirchengebäude ist damit noch nichts entschieden. Das klären die neuen Gremien erst später.

Wer den Übergang führt, ist inzwischen klar: Schröder selbst wird Übergangsleiter des Seelsorgeraums. Ein Übergangsteam aus Hauptamtlichen und ein breit besetzter Übergangsrat, von den Gremien über die Verbände bis zu den Orden, begleiten ihn. Das schrieb Schröder Ende September auf Anfrage von Crux. Bei der laufenden Bestandsaufnahme des kirchlichen Lebens kann sich zudem jede und jeder beteiligen: mit einer Antwort-Postkarte aus dem Dekanat oder über eine Online-Umfrage.

Vieles ist noch offen. Wo das Pastorale Zentrum seinen Sitz haben wird, steht nicht fest. Meschede, Schmallenberg, Eslohe oder Bestwig? Nach der Bestandsaufnahme sollen dafür zunächst Optionen erarbeitet werden. Den Sitz der neuen Pfarrei schlägt später das Leitungstrio vor; gründen wird sie der Erzbischof, ab 2028 nach und nach bis ins Jahr 2030.

Offen ist auch die personelle Ausstattung. „Auch wir werden erst dann darüber informiert, wie viele Hauptamtliche dem Seelsorgeraum zustehen“, sagt Schröder mit Blick auf den Personaleinsatzplan, den das Erzbistum zum 1. Januar 2027 veröffentlichen will.

Pfarrer Michael Schmitt, Leiter des Pastoralen Raums Meschede-Bestwig, bringt beide Seiten dieses Schritts zusammen. „Wenn Pfarreien nach tausend Jahren aufhören zu existieren, ist das kein Verwaltungsakt, sondern ein großer emotionaler Schritt. Aber es ist eine Vernunftentscheidung, an der kein Weg vorbeigeht“, sagte er dem Internetportal des Erzbistums. Die Verunsicherung sei groß, sagt er, und er nehme sich selbst und die Haupt- wie Ehrenamtlichen davon nicht aus. „Man kann nur ansprechbar bleiben, aber Patentantworten haben wir nicht.“

Verantwortung wandert in neue Gremien

„Örtliche Kirchenvorstände werden aufgelöst. Es gibt nur noch einen Kirchenvorstand im Seelsorgeraum und auf der pastoralen Seite den Rat der Pfarrei“, erläuterte Dechant Schröder in der Westfalenpost. Das Erzbistum erwartet davon eine einfachere Verwaltung und kürzere Entscheidungswege. Zweckgebundene Mittel, etwa aus Stiftungen, behalten nach Angaben des Erzbistums ihre Zweckbindung.

Auch die Verwaltung im Hintergrund ändert sich: Der Gemeindeverband Mitte mit Sitz am Mescheder Stiftsplatz, bisher Dienstleister der Kirchengemeinden, wird 2027 aufgelöst. Seine Aufgaben übernimmt das Erzbischöfliche Generalvikariat mit einer Außenstelle in Meschede.

Was wird aus den Kirchen?

Zu den Aufgaben der neuen Gremien gehört nach Schröders Worten der Blick auf die Gebäude: Sie werden sich mit dem Immobilienbestand beschäftigen und herausfinden, was ein verlässlicher Ort ist und welche Gebäude aufgegeben werden. Rund 30 Prozent seiner Flächen will das Erzbistum in einem bistumsweiten Immobilienprozess einsparen, erklärt Pfarrer Schmitt. „Also stellt sich das Thema in allen Gemeinden.“

Wie eine Lösung aussehen kann, zeigt sich im Mescheder Ortsteil Berge: Die Pfarrkirche St. Luzia soll dort verkleinert werden, der größere Teil des Gebäudes würde zu einer Turnhalle für den Schul- und Vereinssport (mehr dazu auf Seite 12). Und es gibt Vorbilder: Das Kirchenzentrum in Meschede, der Gottesdienstraum St. Raphael und das Pfarrheim in Nuttlar haben in den vergangenen Jahren bereits neue Nutzungen gefunden.

Dechant Schröder blickt dennoch mit Sorge auf die Zentralisierung. Er befürchtet, dass sich Gläubige abwenden, wenn Taufe, Kommunion oder Firmung noch stärker an zentralen Orten stattfinden. „Die Menschen vor Ort fragen sich dann: Wo ist eigentlich noch meine Kirche?“ Zugleich verweist er auf das Verfahren: Geschlossen wird ein Kirchengebäude erst nach dem Immobilienprozess, in dem geklärt wird: „Für wen brauchen wir was?“

Der Weg bis 2030

Den Rahmen für den Übergang setzt ein eigenes Kirchengesetz, das das Erzbistum im Juli vorgestellt hat. Es tritt mit der Errichtung der Seelsorgeräume am 1. Advent 2026 in Kraft. „Mit dem Errichtungs- und Übergangsgesetz schaffen wir einen verlässlichen Rahmen für eine anspruchsvolle Zeit“, sagte Generalvikar Bredeck bei der Vorstellung des Gesetzes. Auf die Errichtung folgt bis Advent 2027 die „Ankerzeit“, eine geistliche Übergangsphase des Hörens, Betens und gemeinsamen Lernens. Die weiteren Schritte bis 2030 zeigt der Infokasten.

Ob die Kirche dabei wirklich nah bei den Menschen bleibt, entscheidet sich nach Schröders Überzeugung vor Ort: Eine aktive Gemeinde habe größere Chancen, als verlässlicher Ort weiterzubestehen, als ein Ort, an dem kirchliches Leben nur sonntags stattfindet. Schröder selbst macht aus seinen Empfindungen kein Geheimnis: „Meine Gefühlslage schwingt zwischen ‚Abschied und Neubeginn‘, ‚Trauer und Hoffnung‘“, schreibt er. Und zugleich: „‚Kirche‘ wird sichtbar bleiben, nicht an allen bisherigen Orten, aber in vielen Orten, wo der Glaube sichtbar gelebt wird.“

Wie viel Leben das sein kann, zeigte sich Anfang Juli beim Ehrenamtsfest im Mescheder Ortsteil Olpe, zu dem mehr als 260 Menschen kamen. Bei allen noch offenen Fragen bleibe er zuversichtlich, schreibt Pfarrer Schmitt. Sein Eindruck von diesem Tag: „Da wurde wieder deutlich, über welch einen Schatz wir verfügen.“

Andreas Beer

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